Bücher zur Rezension

Möglichkeit. Über einen Grundbegriff der praktischen Philosophie und kritischen Gesellschaftstheorie

Gösta Gantner

2021 | Transcript | Webseite
ISBN: 978-3-8376-5562-9
Seiten: 340

Was meinen wir, wenn wir soziale Konstellationen als »möglich« bezeichnen? Diese Frage wurde allzu oft nur randständig beleuchtet, obwohl »Möglichkeit« seit Aristoteles zum grundbegrifflichen Repertoire der praktischen Philosophie zählt. Umso unverständlicher wirkt die Zurückhaltung von Horkheimer und Adorno, den Begriff gesellschaftstheoretisch zu explizieren. Gösta Gantner zeigt, inwiefern die Vorstellungen des »Andersseinkönnens« und der »Potentialität« die Kritische Theorie nahezu unbemerkt dominieren. Als Schlüsselbegriff trägt »Möglichkeit« dazu bei, aktuelle Varianten kritischen Denkens in ihrem leitenden Erkenntnisinteresse und ihrer praktischen Ausrichtung zu schärfen: Im Lichte der Kritik des Gegebenen geht es um das, was anders sein kann.

Die Ohnmacht des Spekulativen. Elemente einer Poetik von Hegels "Phänomenologie des Geistes"

Ivan Boldyrev

2021 | Fink | Webseite
ISBN: 978-3-7705-6540-5
Seiten: 229

In diesem Buch wird Hegels Phänomenologie des Geistes als ein literarischer Text gedeutet, der seine Überzeugungskraft aus der Lektüre anderer Texte schöpft. Untersucht werden die politischen und ästhetischen Konsequenzen dieser Interpretation. Das dialektische Philosophieren ist ein Bedürfnis, die vergangenen Gedankensysteme – die Texte – in ihrer eigenen Logik als mangelhafte aufzuweisen und zu überwinden, um dadurch die letzte spekulative Synthese zu etablieren. Aber dieselbe Operation macht – so die Hauptthese des Buches – das Spekulative selbst verwundbar, das damit in seiner unselbständigen Verfassung und in seinem Scheitern aufgewiesen wird. Die im Buch dargestellten Gesten des Anleihens und der Affinität sind nicht nur für Hegels Stil prägend. Sie können auch das Dialektische selber neu bestimmen – als eine verschwindende, fast unmögliche Stimme, eine Bemühung, aus der Verschränkung unvereinbarer, konfligierender Diskurse einen Sinn zu gewinnen.

Zeitstrukturen des Rechts. Über die Möglichkeit einer kritischen Theorie der Gerechtigkeit

Esther Neuhann

2020 | Velbrück | Webseite
ISBN: 9783958322288
Seiten: 400

Im Vordergrund steht die Frage, ob die »Gerechtigkeit« ein geeigneter Grundbegriff für eine kritische Theorie der Gesellschaft ist. Die Autorin analysiert das im Kontext der Kritischen Theorie infrage stehende Konzept und bestimmt sein Verhältnis zu individuellen Rechten und positivem Recht. Davon ausgehend systematisiert sie unterschiedliche Spielarten der Skepsis an der emanzipatorischen Kraft des Gerechtigkeitsbegriffs und betont dabei die Kritik, dass eine libertäre Gerechtigkeitskonzeption Ausbeutungseffekte, eine egalitäre hingegen Normalisierungseffekte habe. Die prozedurale Gerechtigkeitskonzeption Rainer Forsts wird darauf untersucht, ob diese die Beherrschungseffekte vermeiden kann. Dafür wird eine vollständige Rekonstruktion seiner Theorie vorgelegt. An zwei entscheidenden Stellen wird sie ergänzt und modifiziert: erstens hinsichtlich der Begründung des »Rechts auf Rechtfertigung«, die die Autorin mit Hilfe von Fichtes Anerkennungsbegriff umdeutet, und zweitens, indem das Verhältnis von Forsts Gerechtigkeitskonzeption zum modernen Recht erörtert wird. Die Hauptthese des Buches legt dar, dass diese kritisch-prozedurale Gerechtigkeitskonzeption die Beherrschungseffekte der Ausbeutung und Normalisierung vermeidet, aber das Potential für einen neuen zweistufigen Beherrschungseffekt ausbildet: »Beschleunigung«, verstanden als stetige Verringerung der Geltungsdauer sozialer Institutionen, insbesondere rechtlicher Normen, und damit einhergehend die Subjektivierungsform der »Flexibilisierung«. Eine Reflexion der kritisch-prozeduralen Gerechtigkeitskonzeption auf diesen in ihr angelegten Beherrschungseffekt wirft die Frage nach dem gewünschten Modus der Entwicklung des Rechts (als Realisierungsform der Gerechtigkeit) in der Zeit auf. Die Ausgangsfrage nach der Möglichkeit einer kritischen Theorie der Gerechtigkeit entscheidet sich also mit Blick auf die Zeitstrukturen des Rechts.
 
 

Staatskritik und Radikaldemokratie. Das Denken Jacques Rancières

Mareike Gebhardt

2020 | Nomos | Webseite
ISBN: 978-3-8487-5918-7
Seiten: 228

Der Sammelband diskutiert aus einer politiktheoretischen Perspektive das Denken Jacques Rancières. Dabei widmen sich die Beiträge insbesondere dem Verhältnis von Demokratie, Herrschaft und Staatlichkeit. Aus unterschiedlichen Perspektiven identifizieren und erörtern sie zunächst zentrale theoretische Konzepte. Im Anschluss wird Rancières Denken über einen Vergleich mit anderen herrschafts- und staatskritischen Denker*innen des Politischen in einen dissensuellen Zwischenraum versetzt, um Verbindungslinien, Spannungen und Konvergenzen zwischen Rancières politischer Theorie und anderen demokratie- und politiktheoretischen Arbeiten des 20. und 21. Jahrhunderts herauszuarbeiten. Die Beiträge des Bandes konzentrieren sich hier auf messianische, republikanische, poststrukturalistische und deliberative Ansätze. In einem letzten Zugang unterziehen die Beiträge Rancières politisches Denken einer kritischen Lektüre durch queer-feministische, postkoloniale und anarchistische Theoretisierungen, um Leerstellen auszuleuchten und damit mit Rancière gegen Rancière zu denken.
 
 

Verantwortung und Verursachung. Eine moral- und rechtsphilosophische Studie zu Hegel

Thomas Meyer

2020 | Meiner | Webseite
ISBN: 978-3-7873-3795-8
Seiten: 319

Menschen handeln, und meistens, wenn nicht immer, verändern sie handelnd die Welt. Die Folgen unserer Taten schreiben wir uns gegenseitig zu, und damit auch die Verantwortung für sie: Verursachung und Verantwortung sind eng aneinander gebunden. Ziel dieser Arbeit ist die Beleuchtung von „Verantwortung und Verursachung“ aus philosophischer Perspektive, und zwar in Auseinandersetzung mit der Rechtsphilosophie Hegels. Die „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ liefern eine Theorie des Verhältnisses von Verantwortung und Verursachung, in der zentrale Differenzierungen enthalten sind, anhand derer sich diese komplexen Phänomene entschlüsseln lassen und die Vernünftigkeit unserer Zuschreibungspraxis in ihren Grundzügen einsichtig machen lässt.
 
 

Freiheit und Kalkül. Die Politik der Algorithmen

Sabine Müller-Mall

2020 | Reclam | Webseite
ISBN: 978-3-15-014043-7
Seiten: 80

Algorithmen spielen in unserem sozialen Leben eine immer größere Rolle – in Meinungsumfragen, beim Wahlverhalten, in der Werbung. Dabei nehmen sie vor allem Einfluss darauf, wie Soziales politisch werden kann. Wir dürfen Algorithmen deshalb nicht bloß nutzen oder ihre Nutzung hinnehmen, sondern müssen grundlegend klären, wo und wie wir sie überhaupt einsetzen wollen. Nur dann, wenn wir sie als politisch begreifen und demokratisch mit ihnen umgehen, laufen wir keine Gefahr, uns ihnen zu unterwerfen und dabei die Gesellschaft zu entpolitisieren.
 
 

Poverty, Inequality, and the Critical Theory of Recognition

Gottfried Schweiger (Hrsg.)

2020 | Springer | Webseite
ISBN: 978-3-030-45795-2
Seiten: 321

This book brings together philosophical approaches to explore the relation of recognition and poverty. This volume examines how critical theories of recognition can be utilized to enhance our understanding, evaluation and critique of poverty and social inequalities. Furthermore, chapters in this book explore anti-poverty policies, development aid and duties towards the (global) poor. This book includes critical examinations of reflections on poverty and related issues in the work of past and present philosophers of recognition. This book hopes to contribute to the ongoing and expanding debate on recognition in ethics, political and social philosophy by focusing on poverty, which is one highly important social and global challenge.
 
 

Warum wir unseren Eltern nichts schulden

Barbara Bleisch

2018 | Hanser | Webseite
ISBN: 978-3-446-25831-0
Seiten: 208

Wie oft soll ein erwachsener Sohn seine Mutter besuchen? Muss sich eine Tochter finanziell an der Pflege ihres Vaters beteiligen? Sind Kinder ihren Eltern überhaupt etwas schuldig?
 
 

Internationale Freizügigkeit als Menschenrecht

Jan Brezger

2018 | Campus | Webseite
ISBN: 978-3-593-50934-1
Seiten: 286

Haben Staaten das Recht, Menschen die Einreise und die Ansiedlung auf dem eigenen Staatsgebiet zu verbieten?
 
 

Antike Grundlagen der Entstehung moderner Menschenrechte

Oliver Bruns

2018 | Karl Alber | Webseite
ISBN: 978-3-495-48966-6
Seiten: 456

Die modernen, Ende des 18. Jahrhunderts verkündeten Menschenrechte haben ein spezifisches Menschenbild zur Voraussetzung, das sich in einem Prozess der Subjektivierung, der in der griechischen Antike beginnt, herausgebildet hat.
 
 

Freiheit als Kritik. Sozialphilosophie nach Foucault

Karsten Schubert

2019 | Transkript | Webseite
ISBN: 978-3-8376-4317-6
Seiten: 360

Wie können Freiheit und Widerstand innerhalb von Foucaults Theorie der Macht und Subjektivierung konzipiert werden? Karsten Schubert liefert die erste systematische Rekonstruktion der sozialphilosophischen Debatte um Freiheit bei Foucault und eine neue Lösung für das Freiheitsproblem: Freiheit als die Fähigkeit zur reflexiven Kritik der eigenen Subjektivierung – kurz: Freiheit als Kritik – ist das Resultat von freiheitlicher Subjektivierung in politischen Institutionen. Der Band zeigt so die Konsequenzen von Foucaults Freiheitsdenken für die Demokratietheorie und die allgemeine sozialphilosophische Freiheitsdiskussion auf.
 
 

Hörigkeit als Selbstboykott. Eine philosophische Studie zu Autorität, Selbstkonstitution und Autonomie

Svantje Guinebert

2018 | Mentis | Webseite
ISBN: 978-3-95743-126-4
Seiten: 350

Warum und in welchem Sinne sollen wir „selbst denken“? In dieser philosophischen Studie wird anhand von Überlegungen zu Autorität, Autonomie und der Selbstkonstitution von Personen gezeigt: Wir haben uns selbst gegenüber die Pflicht, uns letztinstanzliche Autorität zuzuschreiben. Unser menschliches Selbstverständnis ist geprägt von dem Anspruch, selbst zu denken und zu entscheiden. Dem steht ein menschlicher Hang zu Autoritätshörigkeit und Verantwortungsabgabe gegenüber. Doch Hörigkeit, so lässt sich anhand von Überlegungen zur Selbstorganisation von Personen zeigen, ist Selbstboykott: Wer sich nicht selbst als letztinstanzliche Autorität begreift, nimmt sich die Möglichkeit des Lernens und damit der Selbstbildung zu einer Person mit einem eigenen, funktionalen Wertesystem. Wir müssen in einem bestimmten Verhältnis zu uns selbst und zu unseren Einstellungen stehen, um an sozialen Verbindlichkeiten Anteil nehmen und Adressaten von Pflichten und Normen sein zu können.
 
 

What is Rape? Social Theory and Conceptual Analysis

Hilkje Charlotte Hänel

2018 | Transkript | Webseite
ISBN: 978-3-8376-4434-0
Seiten: 282

What exactly is rape? And how is it embedded in society? Hilkje Charlotte Hänel offers a philosophical exploration of the often misrepresented concept of rape in everyday life, systematically mapping out and elucidating this atrocious phenomenon. Hänel proposes a theory of rape as a social practice facilitated by ubiquitous sexist ideologies. Arguing for a normative cluster model for the concept of rape, this timely intervention improves our understanding of lived experiences of sexual violence and social relations within sexist ideologies.
 
 

Der politische Leib. Drei Essays

Felix Heidenreich

2019 | Wilhelm Fink | Webseite
ISBN: 978-3-7705-6114-8
Seiten: ca. 100

Die Frage nach der Identität und Souveränität politischer Gemeinwesen wird erneut auf drängende Weise gestellt – und oft mit populistischen oder identitären Vorstellungen beantwortet. Aus dem, was »wir sind«, soll angeblich ableitbar sein, was zu tun sei. Die eigentlich politische Frage – wie wollen wir leben? – wird so systematisch verdeckt. Was aber, wenn man umgekehrt davon ausgeht, dass wir erst durch unsere Entscheidungen bestimmen, was wir sind? In diesem Sinne können auch Demokraten emphatisch »Wir« sagen, auch wenn die Grenzen dieses »Wir« immer verhandelbar bleiben.
 
 

Spinozismus als Modell. Deleuze und Spinoza

Thomas Kisser, Katrin Wille (Hg.)

2019 | Wilhelm Fink | Webseite
ISBN: 978-3-7705-6431-6
Seiten: 314

Spinozas Philosophie barg zu seiner Zeit erhebliches Konfliktpotential. Dies liegt sicher an den Umständen seiner Zeit, an den politischen und religiösen Restriktionen, wie an den philosophischen Konjunkturen. Doch liegt hier ein Kritikpotential, das uns auch heute noch berührt?
 
 

Die Spontaneität revolutionären Handelns

Mareike Kajewski

2019 | Velbrück Wissenschaft | Webseite
ISBN: 9783-9583-21847
Seiten: 248

Menschen, die sich an radikalen gesellschaftlichen Umbrüchen beteiligen, machen äußerst disparate Erfahrungen: Ihr Handeln befreit sie aus ungerechten Verhältnissen und legt den Grundstein für einen Neubeginn. Gleichzeitig führt es oftmals zur Destruktivität, Ohnmacht und Gewalt.Diese Widersprüchlichkeit wirft grundsätzliche Fragen nach der spezifischen Vollzugsform und generellen Möglichkeit revolutionären Handelns auf. Die vorliegende Untersuchung rückt zur Erklärung das Moment der Spontaneität – als Erfahrung von Freiheit – und die in ihr wirksame Negativität in den Vordergrund. Dies wird anhand handlungstheoretischer und radikaldemokratischer Fragestellungen plausibilisiert, vor allem in Hinblick auf den Zusammenhang von politischer Freiheit und Handeln. Edmund Burkes und G.W.F. Hegels Kritik an revolutionärer Destruktivität und Negativität eröffnet dann, gegen den Strich gelesen, einen Blick auf Wesen und Wirken revolutionären Handelns. Eine neue Deutung von Sophokles’ Antigone und anthropologische Erkenntnisse zum Spiel und Ritual reflektieren abschließend, wie Spontaneität sich in eine neue Ordnung übersetzt. Revolutionäres Handeln erweist sich so als gründend-abgründige Dynamik.
 
 

Politische Philosophie der Tierrechte

Bernd Ladwig

2020 | Suhrkamp | Webseite
ISBN: 978-3-518-29915-9
Seiten: 411

Alljährlich fügen wir Milliarden von Tieren schweres Leid zu und bringen sie ums Leben, nur um geringfügige Vorteile wie etwa den Geschmack ihres Fleisches zu genießen. Da diese Verletzung der Rechte von Tieren zu den gesellschaftlichen Grundordnungen gehört, die wir gemeinsam verantworten, ist sie ein Thema für die politische Philosophie. Bernd Ladwig gibt einen profunden Überblick über die heutige Debatte. Er zeigt auf, dass wir Tieren, deren Lebensbedingungen wir umfassend kontrollieren, Mitgliedschaftsrechte schulden, warnt jedoch zugleich vor ihrer Vermenschlichung. Die letzte politische Verantwortung für gerecht geregelte Beziehungen zu Tieren tragen einzig und allein wir.