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Gessmann, Martin: Wenn die Welt in Stücke geht. Warum wir philosophieren. Paderborn: Wihelm Fink Verlag 2014. 284 Seiten. [978-3-7705-5658-8]

Rezensiert von Alexander Fischer (Universität Bamberg)

Zu Beginn seines Buches Wenn die Welt in Stücke geht. Warum wir philosophieren beschreibt Martin Gessmann ein düsteres Doppelszenario als aktuellstes Bild einer Reihe von teils dramatischen Darstellungen der Philosophie und ihren Denkern: Die Welt liegt heute in Stücken, doch die Philosophie schweigt sich aus. Obwohl wir uns in einer krisenhaften Zeit befinden, in der ein Ruf nach Antworten aus der Philosophie immer lauter wird, sind „die Antworten der Philosophie jedoch kleinlaut geworden [...]“ (7). Lauter wird dieser Ruf gerade deswegen, weil die uns einholenden Krisen nicht mehr bloße Naturkatastrophen oder andersartige Unglücksfälle sind, sondern von uns selbst gemacht und zu verantworten sind. Kleinlaut – oder mit Wittgenstein gesprochen: verstummt – ist die Philosophie deswegen, weil sie mit der Postmoderne unkritisch und mit der analytischen Ausrichtung vergeistigt und abgehoben wurde.

Genauer: Im Rahmen der Postmoderne hat sich die Philosophie in einer unkritischen Bescheidenheit eingerichtet und „[...] tut einfach noch so, als verstehe man gar nicht, dass hier ein Problem liegt.“ (13) In ihrem Duktus der Zeit voraus zu sein, verpasst es die Postmoderne gewissermaßen gewollt, sich konstruktiv aktueller Problemlagen anzunehmen. Mehr noch: In ihrer Flucht nach vorn biedert sie sich sogar einem ästhetischen Kapitalismus an, der längst als Avantgarde gilt.

Die Philosophie analytischer Couleur hingegen schlägt als weltweit dominanter Agent eine geistesgeschichtlich gesehene Flucht zurück ein, womit sie ebenfalls am konkreten Hier und Jetzt und seinen Problemstellungen vorbeirauscht. Durch die Aufteilung von fehlerhafter, unheilvoller menschlicher Kultur einerseits und einer davon vermeintlich unabhängigen Sphäre intakter geistiger Kultur andererseits ist ein Brückenschlag von analytisch ausgerichteter Philosophie und konkreten Problemen nicht mehr möglich (vgl. 14). So ist es der analytischen Methode inhärent, dass sie Zeitdebatten bestenfalls randständig einbeziehen kann – schließlich verhindert ihre Konzentration auf die ewigen Fragen den konkreten Bezug auf die Gegenwart.

Als Ergebnis davon ist die Welt im Anschluss an Augustinus’ Termini zweigeteilt. Es herrscht eine „civitas terrena“ (14), also eine weltliche Gesellschaft, in der die Dinge nach absoluten Maßstäben verloren und sinnlos erscheinen und sich ein liberaler Pragmatismus ausbildete. In diesem Umfeld dürfen „[w]eitergehende Fragen nach dem Sinn des Ganzen [...] nicht mehr gestellt werden, [sie sind] von vornherein unsinnig, ist doch diese ganze irdische Welt an sich schon gottverlassen und ohne jede tiefere Bedeutung.“ (14) Es gibt dort also kein philosophisches Heil mehr. Das Gegenteil ist die akademische „civitas Dei“ (15) mit einer himmlischen Philosophiegesellschaft in der das unwandelbar Wahre und Ewige bewahrt wird. Von einer produktiven Position der Philosophie in Krisenzeiten könne so also nicht mehr gesprochen werden. Soweit Gessmanns durchaus mit Pathos vorgebrachte Zeitdiagnose, der anschließend mehr als 270 Seiten Raum geboten wird, um zustimmend nickende Leser vertiefend zu bilden oder provoziert den Kopf schüttelnde Leser zu überzeugen.

Krise und Kreativität

Neben der düsteren Zeitdiagnose entwickelt Gessmann einen Grundmechanismus der Möglichkeiten der Philosophie. Dieser besteht in einer Verbindung von Krise und der durch sie angeregten Kreativität. In den eigenen Worten des Autors lässt sich sogar sagen, dass es „[o]hne Drama keine Philosophie“ (276) gäbe und hierin der wesentliche Motor und die Antwort auf die Frage liegt, warum wir überhaupt philosophieren. Die Ambition Gessmanns ist es nun, die dramatische Krisenhaftigkeit der abendländischen Geschichte und die Rolle der Philosophie ideengeschichtlich miteinander zu verbinden und bis in die heutige Zeit zu übertragen. Die Philosophie soll gewissermaßen neu vorgestellt werden, als eine Disziplin, „die angesichts dramatisch empfundener Weltumstände, allererst entsteht und aus dem Geist der Tragödie heraus konzipiert ist“ (19) – Nietzsche lässt hier grüßen. So will Gessmann in seinem Buch einen „Weg oder Rückweg in eine Philosophie aufzeigen, die sich nicht einfach in die vorgestellten Verbindungszusammenhänge verstricken lässt“ (18) und „aus einer analytischen Vormoderne wie aus einer literarischen Postmoderne hervor[geholt] [wird], damit sie sich überhaupt wieder den Herausforderungen der Gegenwart stellen kann“ (19). Als Schlussakt des großen Dramas, in dem sich die Philosophie entwickelt, steht ein (allerdings sehr kurzer) Vorschlag der Neuausrichtung der Natur-, Medien- und Geisteswissenschaften. In interdisziplinärer Verbindung soll die Philosophie hiernach (1.) wieder Orientierung in der Krise bieten und sich für das Jetzt öffnen, sowie (2.) als treibende Kraft im dramatischen Kulturgeschehen glaubhaft gemacht werden. Der Fokus von Gessmanns ideenhistorischer Betrachtung liegt dabei auf der theoretischen Philosophie, ihrer Methodologie und der drängenden Fragen nach Wahrheit und Erkenntnismöglichkeit, um nicht eventuellen ideologischen Verstrickungen in der praktischen Philosophie zu erliegen oder in das „Luxussegment der Streitigkeiten“ (20) – die Ästhetik – verwickelt zu werden.

Sattelzeiten und das Drama der Philosophie

Entlang des methodischen Ziels, die Argumentationen der Philosophen mit der Dramatik der abendländischen Geschichte unauflösbar zu verbinden, werden die philosophischen Akteure, so lässt sich Gessmanns Text lesen, als Hauptdarsteller eines großen Dramas inszeniert. Durch mehrere Volten, Kabale und Liebe schreitet das Stück entlang des Zeitstrahls der Philosophiegeschichte voran. Der Modus ist dabei einfach: Immer dann, wenn tradiertes Denken unbefriedigend wurde, brauchte es neue Ideen, Methoden und Weltbilder. Gerade große Naturkatastrophen (wie etwa die kleine Eiszeit im 17. Jahrhundert oder das Erdbeben von Lissabon) und starke gesellschaftliche Krisen (wie der 30-jährige Krieg, die Französische Revolution, heutige Klimafragen) bedingen die Verabschiedung von als überkommen wahrgenommenem tradierten Denken. So werden Krisen zu Katalysatoren eines sich neu erfindenden Denkens (man denke hier beispielhaft an die Frage nach dem Leid in der Welt).

Diese Veränderungen, so Gessmanns Verständnis, stellen sich in den philosophischen Charakteren selbst dar und so mit deren persönlichen Biographien verquickt. Mittels der theoretischen Einblicke des Historikers Reinhart Koselleck identifiziert Gessmann verschiedene „Sattelzeiten“ als Wendepunkte im Drama der Philosophie. Der Durchgang durch die Philosophiegeschichte beginnt bei Platon, endet bei Sloterdijk und nimmt dabei immer die Auseinandersetzung mit epochalen Krisen in den Blick. Für den Leser auffällig ist hierbei eine enge Verschränkung von Ideen- und Sozialgeschichte und die biographische Betrachtung der Veränderungen im philosophischen Denken analog zu Veränderungen der gesellschaftlichen Gegebenheiten. Die Konstellationen, die sich daraus ergeben, haben den Anschein frappierender Ähnlichkeit über mehrere Jahrhunderte. Bei Platon und seiner Opposition zu den Sophisten angefangen, lässt sich mit Gessmann beobachten, wie das Leben im subjektiven Schein scheitert und als Reaktion darauf eine Zuwendung zu Wirklichkeit und objektiven Werten geschieht, wie sie zuerst durch die ewigen Ideen verkörpert werden. Der Zusammenbruch der von den Sophisten aufgebauten Scheinwelt bewirkt ganz im Sinne dramentheoretischer Begriffe eine Katharsis. Der negative Affekt, das Erschrecken vor existentiellen Abgründen, bewirkt sodann eine positive Neujustierung unserer Selbstansicht im Leben und unserer Stellung in der Gesellschaft. Von Aristoteles ausgehend kann die Philosophie aufklären, wie sich im privaten wie auch gesellschaftlichen und politischen Leben eine richtige Lebensweise etablieren lässt. Im Anschluss an die Antike heißt es dann immer wieder: Skeptizismus versus Stoizismus – eine mühsam errungene Auffassung von Wirklichkeit erweist sich immer neu als unhaltbar, weshalb zwangsläufig ein neues Denken anbrechen muss. Verbrüdert sind Skeptizismus und Stoizismus durch ein Verlangen nach gültiger Welterkenntnis. Verschieden sind sie durch die unterschiedlichen Reaktionen der Verzweiflung an der Welt oder dem Griff zur Beruhigungsrhetorik. Diese scheinbare Stellung von These und Antithese, die sich an den wiederkehrenden Nullpunkten der Philosophie ergibt, an denen also ein neues Paradigma beginnt, wird immer wieder durch bahnbrechende Vermittler wie Descartes oder Kant zu Synthesen aufgelöst.

So wird das Denken vorangebracht, wenngleich diese Figuren und ihr Denken in den Akten der Philosophiegeschichte wiederum Frontstellungen provozieren. Deutlich wird dabei: Die Philosophie ist etwas, das den Menschen „in grundsätzlichster Weise etwas angeht“ (263). Mit Platon, Aristoteles, den spätantiken Skeptikern und Stoikern, Descartes, Kant, Hegel, Wittgenstein, Heidegger, Quine, Davidson, Derrida und Foucault in den Hauptrollen sowie ein paar anderen weniger beleuchteten Nebenrollen spannt Gessmann einen dramatischen Bogen im Sinne einer konsistenten Philosophiegeschichte. Im letzten Akt schließlich tritt die analytische Philosophie im Gewand der Skeptiker und die postmoderne Philosophie im Gewand der Stoiker auf und gibt ein trauriges Bild ab: Sie ist nur noch „[...] ein weites Feld der Langeweile, [das] uns entweder in die Privatheit des individuellen Glaubens zurückziehen ließ, oder aber dazu verleiten sollte, in der Welt eben ein ‚Komforttreibhaus’ zu sehen, in dem auch noch das banalste Ding im Lichte postmodernen Designs schließlich als eine der hundert Blumen wiedererkennbar sein sollte, die Mao einst am Wegesrand einer kommenden Weltrevolution blühen lassen wollte.“ (264) Als eine Art deus ex machina tritt im Zu-Boden-Blicken aller anderen schließlich Sloterdijk auf, dessen „post-stoische Neubestimmung einer Weltseele im spielerischen Aufschäumen klassischer Substanzannahmen kann man dabei als eine Summe der damaligen Theorietendenzen verstehen“, was vom Autor – ein wenig entschuldigend? – als „Grund, warum er exemplarisch herangezogen wurde“, angeführt wird (264f.).

Tragödie oder Komödie?

Der Schluss des erzählten Stückes ist nun nahe, die Zuschauer befinden sich ganz im Sinne aristotelischer Dramentheorie mitten in kathartischen Zuständen. So sind sie empfänglich für die Veränderungen, die – wie eindrücklich gezeigt – es immer gegeben hat und die es auch heute bräuchte, auch wenn „ausdrücklichst betont [sein soll], dass mit vorliegendem Statement unsere Gegenwart nicht als ein Epochenwechsel stilisiert werden soll, sondern bestenfalls als solcher kommentiert, falls es denn der Fall sein sollte, dass die vorliegenden klassischen Anzeichen für einen solchen nicht trügen.“ (262) Unsere Situation ist also auf jeden Fall delikat – doch noch unentschieden. Die Philosophie liegt noch nicht tot auf der Bühne, aber sie ist auch nicht jauchzend hinter dem Vorhang verschwunden. Wir Zuschauer befinden uns in einer Art tragisch-komischer Schwebephase – ohne, dass absehbar wäre, welche Richtung alles nehmen wird, denn „nach vorn schaut man nur vorsichtig tastend in dichten Nebel.“ (262)

Um den tragischen Ausgang zumindest nicht ohne Vorschlag der Abwendung vonstatten gehen zu lassen (durch Gessmanns teilweise latent apokalyptischen Ton erscheint ein komödiantischer, glücklicher Ausgang sehr unwahrscheinlich), schlägt der Autor in aller Kürze komplexe Maßnahmen zur Kurskorrektur vor, die jedoch gerade in ihrer Kürze die Ausgestaltung eines starken Arguments vermissen lassen und so lediglich Skizzen bleiben. Im Anschluss an Rheinberger und Latour, sowie Stiegler und Münker werden neue methodologische Ansätze für die Natur- und Medienwissenschaften angerissen, die einem Ansatz einer geisteswissenschaftlichen „Hermeneutik der Zukunft“ (275) vorgebaut sind. Diese muss fragen, „was uns noch alles bevorsteht und eröffnet wird an möglichen Sinnpotenzen“ (275) und versteht Texte nicht mehr als Untersuchungsgegenstände, sondern als Akteure, die sich in soziale Beziehungen einbinden lassen (auch wenn nicht ganz deutlich wird, was das heißen soll). Die Philosophie muss also raus aus ihrer reinen Analysetätigkeit und stoischem Abwinken gegenüber der Wirklichkeit und rein in eine Offenheit und Kreativität nicht nur im Umgang mit der Geschichte, sondern auch und besonders mit der Gegenwart.

Bedingt durch eine Sprache, die immer wieder in den Pathos abzugleiten droht, – was für eine Programmschrift, die sicher durchaus provozieren soll, ja nicht verkehrt ist –, bleiben die Passagen über diese Neuausrichtung leider das Dunkelste des Buches. Überhaupt ist die sprachliche Gestaltung des Textes in mehrerlei Hinsicht bedenklich. Nicht nur gibt es viele unnötige Rechtschreibfehler im Laufe des Textes, und an einer Stelle wird von einem gewissen „Hans Ulbricht“ (statt Walter) gesprochen, der mit dem Mauerbau zutun gehabt habe (34), auch legt sich angesichts des Wechsels von Pathos, vermeintlicher Ästhetisierung (viele Sätze sind in musikalischer Manier mehr als sechs Zeilen lang) und strukturierter Rekonstruktion, folgende Frage nahe: Wer ist das Publikum, für das dieses Geschehen sozusagen auf die Bühne gebracht wurde? Ist es ein akademisches Fachpublikum, Studierende und Berufsphilosophinnen und -philosophen, die sich ganz im Sinne einer Soziologie der Philosophie mit ihrem eigenen Fach auseinandersetzen und eine neue geschichtsphilosophische Perspektive angeboten bekommen sollen? Dann sind die philosophie-historischen und geschichtsphilosophischen Ausführungen zum Teil zu kurz und der argumentative Bogen nicht durchgehend deutlich gespannt. Ist es ein Publikum philosophisch interessierter Laien? Dann sind die einzelnen Kapitel oft zu fachbegrifflich formuliert, stilistisch vielleicht zu hoch gegriffen und die in fast jedem Kapitel vorkommenden Anschlüsse an die konkrete Gegenwart zu abrupt und kurz. Besteht das Publikum aus Revoluzzern, die die Philosophie neu ausrichten wollen? Dann sind die fachlichen Ausführungen zu lang und der mit Pathos unterbaute Aufruf zur Veränderung zu unbeständig. Natürlich besteht in dem Zusammenbringen verschiedener Plena die Quadratur des Kreises. Hier bedingt diese Grundschwierigkeit Passagen, die etwas unrund daherkommen und möglicherweise einen ähnlichen ‚trigespaltenen’ Eindruck wie für den Rezensenten hinterlassen.

Erschwerend kommt hinzu, dass eine weitere grundsätzliche Schwierigkeit bewältigt werden musste (was dem Autor jedoch besser gelingt): Die reflektierte Konstruktion einer Philosophiegeschichte, die Soziologie eines Faches früher und heute und die Verwicklung der Philosophie in hoch aktuelle Zeitdiagnostik. Gessmanns Auftrag ist also anspruchsvoll – und gleichzeitig durchaus reizvoll, immer interessant und informativ. Ob sein Ansatz, die Philosophiegeschichte so zu erzählen, ein eventuell zu enges Korsett ist (mancher wird den ein oder anderen Philosophen auf der Bühne vermissen) oder durch den biographischen Fokus eine zu strenge Kontextualisierung und personale Rückbindung von Wissen geschieht, ist grundsätzlich diskutabel und wird es auch bleiben. Schlussendlich bietet Gessmanns Text so eine kontroverse Sicht auf die Dinge (methodisch wie diagnostisch), an der sich die Leserinnen und Leser kritisch abarbeiten können. Während damit also einerseits eine große Anschlussfähigkeit gegeben ist, liegt hier andererseits die größte Schwäche des Buches: Durch die mangelnde Ausführung eines Lösungsansatzes und die so immer wieder unklare Zielsetzung schillert der Text bisweilen. Ein Grund hierfür scheint im Anspruch des Projektes liegen. Die Ausarbeitung der Zeitdiagnose und die Konstruktion einer Philosophiegeschichte wären für ein Buch mehr als genug gewesen. Die Verquickung mit programmatischen Ansprüchen und dem zu kurzen Vorschlag zur Verbesserung sind es dann, die letzten Endes eher störend wirken – und ein eigenes Buch verdient hätten.

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